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Haben sich für die Arbeit bei einem handwerklichen mittelständische Familienunternehmen entschieden: Matti Jahn (links), Auszubildender Büromanagement, und Nils Kraft (Dachdecker) wissen die Branche zu schätzen. Fotos: Janzik
Lehrwerkstatt für junge Talente
Neubeckum (mjk). Der Dachdecker- und Asphaltbaubetrieb Robert Schröder aus Neubeckum errichtet eine eigene Lehrwerkstatt. Das mittelständische Familienunternehmen wird in vierter Generation geführt und blickt auf eine 128-jährige Geschichte zurück. Architekt Ralf Kirchhoff aus Beckum und Gütersloh wurde mit der Planung beauftragt. Die Fertigstellung ist für 2027 vorgesehen.
Robert Schröder selbst nennt mehrere Gründe für die Investition. „Die Anforderungen steigen stetig – neue Materialien, technische Entwicklungen, hohe Qualitätsansprüche der Kunden und strengere Sicherheitsvorschriften“, sagt der Betriebsinhaber. Diese Entwicklungen machten eine gründliche und praxisorientierte Ausbildung unerlässlich.
Die künftige Werkstatt ermögliche es, den Nachwuchs unabhängig vom laufenden Baustellenbetrieb systematisch an handwerkliche Techniken heranzuführen und vorhandene Fertigkeiten gezielt auszubauen. In den Wintermonaten oder bei zwischenzeitlich schwächerer Auftragslage könnten die jungen Leute unter fachkundiger Anleitung von Meistern und erfahrenen Kollegen verschiedene Arbeitsschritte einüben, Werkstoffe erkunden, Ausführungsdetails vertiefen oder Prüfungssituationen proben. „Anstatt Leerlauf zu haben oder zum x-ten Male das Lager aufzuräumen, können sie unter Anleitung verschiedene Arbeitsabläufe trainieren“, erläutert Schröder. Auf diese Weise werde die Qualität der Ausbildung verbessert und der Lernerfolg erhöht.
Zugleich steigere die Lehrwerkstatt die Anziehungskraft des Betriebs für Ausbildungssuchende. Schröder beobachtet, dass zahlreiche Unternehmen in der Branche mittlerweile auf un- oder angelernte Kräfte zurückgreifen – ein Umstand, der Kunden häufig verborgen bleibe. „Schon heute beschäftigen viele Betriebe ungelernte Mitarbeiter, was die Kunden teilweise gar nicht wissen“, sagt Schröder. Die Folge seien nachlassende Arbeitsqualität und ein Anstieg der Unfallzahlen, da ungelernte Kräfte die Risiken auf dem Dach nicht richtig einschätzen könnten. In seinem Betrieb würden die Auszubildenden vom ersten Tag an darauf vorbereitet. „Die Investition in eine Lehrwerkstatt trägt nicht nur zur Fachkräftesicherung bei, sondern verbessert langfristig die Qualität der ausgeführten Arbeiten“, betont Schröder.
Das Handwerk umfasst mehr als die bloße Anfertigung von Gütern oder die Erbringung von Dienstleistungen. Es verbindet fachliches Können, soziales Geschick und die Übernahme von Verantwortung. Wer am Morgen mit Balken und Ziegeln beginnt und am Abend einen vollendeten Dachstuhl betrachtet, erlebt Stolz, Sinnhaftigkeit und Antrieb. „Der direkte Bezug zum Geschaffenen gibt nicht nur Stolz, sondern auch Sinn und Motivation“, beschreibt Schröder diese Erfahrung.
Berufliche Perspektiven des Handwerks sind vielfältig
Die beruflichen Perspektiven des Handwerks sind vielfältig: Der Weg führt vom Gesellen über den Meister – dessen Abschluss inzwischen einem Bachelor gleichgestellt ist – bis hin zur eigenen Unternehmensgründung. Zahlreiche Bauingenieure, Architekten oder Gebäudetechnikingenieure haben ursprünglich eine Lehre im Handwerk durchlaufen.
Für Schulabgänger stellt sich regelmäßig die Wahl zwischen Ausbildung und Studium. Fachleute empfehlen, sich bei dieser Entscheidung nicht von Prestige oder äußeren Erwartungen leiten zu lassen. Stattdessen sollten junge Menschen für sich klären: Liegt mir die praktische Tätigkeit? Arbeite ich lieber mit den Händen oder im direkten Kontakt mit Menschen? Reizt es mich, Dinge eigenhändig umzusetzen und im Team zu wirken? Verspüre ich nach langer Schulzeit das Bedürfnis nach Abstand von rein theoretischem Lernen?
Angesichts des zunehmenden Einflusses künstlicher Intelligenz kommt dem Handwerk wachsende Bedeutung zu. Einer Umfrage des Portals „Indeed“ zufolge äußern 52 Prozent der Befragten die Sorge, dass KI viele akademisch erworbene Kenntnisse entbehrlich machen könnte. Diese Befürchtung ist nicht unbegründet, wie Experten bestätigen: Einfache Wissensarbeit lasse sich technisch leichter automatisieren. Berufe mit handwerklichen oder sozialen Anteilen hingegen würden an Bedeutung gewinnen. „Genau hier liegt die neue Stärke der Ausbildung“, unterstreicht Schröder. Sie verbinde Theorie und Praxis auf eine Weise, die nach Jahren der Schulzeit viele junge Menschen neu zu motivieren vermag und ihnen eine klare Perspektive eröffnet. Wer heute eine handwerkliche Ausbildung beginnt, entscheidet sich für einen Beruf, der von Technologie begleitet, aber nicht verdrängt wird.